
Eine grossartige Entdeckung: Die Felszeichnungen auf der „Terrasse der Zwillinge“ in Anoa, Bichagara, Nord-Tschad
Im Buch „Ennedi – un éden au Sahara“ von Philippe Lafond und Daniel Popp (Hachette Livre, Editions du Chêne, 2002) haben uns die beiden französischen Kollegen ein denkwürdiges Kapitel gewidmet. Darin berichten sie ausführlich über die von mir und und meinem Zwillingsbruder Bruno gemachten Entdeckung vom 20. November 2001 anlässlich unserer Mission Ennedi/Tschad des Jahres 2001:
„Zwischen Demi und Fada war die Reise reich an Entdeckungen. Zunächst eine unerwartete Begegnung mitten in der Wüste: N’Gaye, unser Reiseführer, und die Zwillinge. Zwei Schweizer Reisende, die die tschadische Sahara lieben und deren Abenteuer ich seit Jahren verfolge, da sie sich ein wenig mit unserem überschneiden, vom Tibesti bis zum Ennedi. Sie haben gerade eine grossartige Entdeckung gemacht: . . . eine Gravur eines Bubalus. Der Prähistoriker Enri Lhote hat in seiner chronologischen Klassifizierung der Felszeichnungen des Tassili N’Ajjer seiner ältesten Periode, 5 bis 6000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, auch „Zeit der Jäger” genannt, die von der grossen „äthiopischen” Wildtierfauna geprägt war, den Namen dieser heute ausgestorbenen grossen Antilope (Bubalus antiquus) gegeben. Bislang wurde im Ennedi noch kein Bubal identifiziert. Die Zwillinge sind sehr grosszügig mit ihren Entdeckungen und geben uns freundlicherweise die GPS-Koordinaten der Fundstelle im Tassili von Anoa auf unserer Route. Wir vereinbaren, uns einige Tage später im Wadi Nohi im Lager von Abangaye zu treffen.
Anoa, Bichagara, wie auch Abaiké und Béchiké südlich von Fada, symbolisieren den Übergang von einer rein mineralischen Sahara zur tropischen Sahara, wo Felsen und Sand, Schluchten und Täler von Vegetation bedeckt sind. Anoa erinnert ein wenig an die Atmosphäre der Tadrart südlich des Tassili N’Ajjer: eine Abfolge von bastionartigen Massiven, die durch breite, von Dünen überwucherte Oasen voneinander getrennt sind. In der Mitte eines Kessels, auf halber Höhe eines dieser malabarischen, burgenartigen Gebilde, befindet sich eine grosse kreisförmige Terrasse, deren Wände steil abfallen, als wären sie rechtwinklig abgeschnitten. Ein paar Klettergriffe, und schon stehen wir auf der Esplanade, die von einem Bogen gekrönt wird, der an den Ring eines Riesen erinnert, der in Stein gemeisselt ist. Welchen Göttern, welchen Geistern haben die Menschen, die sich auf dieser Terrasse niedergelassen haben, diesen wunderschönen, fein gravierten Bubal gewidmet, der so alt ist, dass er fast verschwunden ist und sich, wie so oft bei Werken aus dieser Zeit, mit der Wand vermischt?
Aber hinter dem kleinen Schloss, oben auf einer Treppe, die zum obersten Stockwerk führt, ist die Erosion am spektakulärsten. Bevor es Menschen gab, genügte es angeblich, dass ein Riese seinen Finger durch den Ring von Anoa steckte, damit die Sandsteine, die diese Höhen schmücken, ihre Röhren ausbeulten und zu singen begannen. Rohre, Hörner, grosse Pfeifen, die aus einer Orgel stammen könnten, horizontal angeordnet wie Triebwerke, deren verdrehte, zu etwas verrückten Blütenkränzen geformte Abschnitte an die Kurven und Voluten der Mega-Skulpturen von Bernard Venet erinnern. Man könnte meinen, dass das Feuer der Erde hier gewütet hat! Nein, da es im Ennedi keinen Vulkanismus gibt, hat allein die Erosion, die Hand des Feuers des Geistes, die dem Stein seine Weiblichkeit offenbaren wollte, diese kraftvollen und sanften Werke geschaffen. Bevor dasselbe Feuer unter den Fingern des Künstlers diesen Bubal voller Kraft und Anmut formte. Heute sind die Riesen, Genies und Bubalen verschwunden, die Steinsäulen sind verstummt und werden durch das Heulen des wilden Windes ersetzt, den man nachts singen hört … Im Ennedi ist das Schauspiel permanent, aber je nach Ort, Etage oder Uhrzeit einzigartig und unterschiedlich …
Tagebuch: Dienstag, 20. November 2001:
Ein Armband, gefunden und aufgelesen von Hassan Samba in unmittelbarer Nähe der entdeckten Bubalus-Gravuren auf der „Terrasse des Jumeaux“: was für ein wunderbares Geschenk für Ruth welche mich einmal mehr hat ziehen lassen in die unendlichen Weiten der Sahara. Hassan hat dieses vor Jahrtausenden bearbeitete Sandsteinrelikt gefunden und mir spontan geschenkt, als saharische Auszeichnung für meine, unsere Entdeckung – eine berührende, noble Geste. Die Gravuren selber, die uralte, schon seit vier- bis fünf Jahrtausende ausgestorbene Rinderart Bubalus antiquus darstellend, ist ein Fund par excellence und für das Ennedi/Tibesti-Gebiet einzigartig. Monod hatte bereits 1932 von einem „Bubalus-Stil“ gesprochen, eine Bezeichnung welche dann später von Lhote übernommen worden ist. Die Terrasse habe ich „Terrasse des Jumeaux“ getauft, sind doch Zwillinge nicht nur bei den Touaregs sondern auch im Borkou-Ennedi-Tibesti-Distrikt bei den Tubus und Bideyas veritable Glücksbringer.
